• Ob Allah das mag? (166)

    Letztens, Gebetszeit am Abend. Die über die vielen Lautsprecher der vielen Moscheen gesungene Liturgie legt sich wie gewohnt als akustischer Gebetsteppich über die Stadt mit ihren vielleicht 3 Millionen Gläubigen. Angesichts der Lautstärke und des etwas gepressten Klangs fragt meine Tochter, die kürzlich hier zu Besuch war, ob die Vorbeter nicht auf Dauer Probleme mit der Stimme bekämen? Ich weiß es natürlich nicht, antworte ich, aber wenn es denn so wäre, würde es ihm sicher ausreichend von Allah vergolten. Meine Tochter war sich da nicht sicher: "Und was ist, wenn Allah der Gesang nicht gefällt?"

    Jeddah, Nachtleben (1)

    Vermutlich stellt sich hier niemand diese Frage. Aber angesichts des Gesangs, der mehr von Ernsthaftigkeit als von Musikalität geprägt ist, liegt die Frage für unbefangen denkende Köpfe wohl sogar sehr nahe. Immerhin: Allah, der Gott Abrahams, der identisch ist mit dem Gott der Juden und dem der Christen, wurde von christlicher Seite schon vor 300 Jahren mit schöner, inspirierter, aufwendiger Kirchenmusik verehrt. Gegen Bach und Händel wirkt das Gebet hier in musikalischer Hinsicht jedenfalls recht schlicht. Aber wer weiß, was wirklich zählt.

    Die Schlichtheit dieses durch Religiösität geprägten Lebens hier war dann auch wieder Dauerthema in den letzten Tagen. So wie zu Beginn meiner Zeit hier, wenn auch nun in der Perspektive der Rückschau, nicht der Eingewöhnung. Eingewöhnung - war es letztlich ohnehin nur teilweise. An Straßenverkehr ohne Struktur, an Leben ohne Kultur, an Wohnen ohne Architektur, an Draußen ohne Natur: irgendwie ist das zum Lebensrhythmus hier geworden. Aber jetzt am bevorstehenden Ende meiner Zeit hier erscheint es auf einmal wieder so fremd wie zu Beginn.

    Jeddah, Nachtleben (2)

    Ein paar Meldungen der letzten Tage zeigen das Spannungsfeld, in dem sich dieses Land befindet, gut auf: Da ist der ägyptische Großscheich, geistliches Oberhaupt der Sunniten, der den Frauen an Kairos Universität die hier übliche Ganzkörperverhüllung verbieten will. Mit seiner Begründung wirft er ein Licht auf die "Einzigartigkeit" Arabiens in der moslemischen Welt: Diese Verhüllung sei bloße Tradition ohne Bezug zu Islam und Koran.

    Jeddah, Nachtleben (3)

    Und da ist der 32 jährige Angeber, der auf irgendeinem Sender über sein buntes Geschlechtsleben geprahlt hat. Mit der Folge von 200 Anzeigen besorgter Mitbürger und dem Urteil zu 1.000 (i.W. Tausend) Peitschenhieben und 5 Jahren Haft.

    Jeddah, Nachtleben (4)

    Und da gibt es Abdullah Hassan al-Assiri, dessen blutiges Ableben auf YouTube und in lokalen Zeitungen anschaulich dargestellt wurde (so anschaulich, daß hier auf einen Link verzichtet wird). Er starb beim Versuch, mittels verschluckter Sprengmittel den für die Terrorbekämpfung zuständigen saudischen Prinzen Naif in die Luft zu sprengen, Ende August hier in Jeddah. Der Prinz blieb weitestgehend unverletzt, währen der Attentäter weitestgehend verletzt wurde und daran in Einzelteilen verstarb. Die prominente Spitze eines Eisberges von vielen hundert Verdächtigen, die sich teils als Frauen "verkleiden", um ihren Sprengstoff ungeniert durch dieses Land zu tragen, das ihnen wohl noch nicht streng genug ist.

    Jeddah, wo die Hadsch beginnt

    Straßenraster, Fastfood, SUV-Autos, Adipositas: Viele Trends aus den USA sind in Saudi-Arabien inzwischen heimischer geworden als in Europa. Und es gibt hier und da auch ganz offensichtlich gesellschaftliche Modernisierungen in diesem Land, jedenfalls in kleinen Schritten. Aber die drei Meldungen werfen ein Licht auf das starke Beharrungsvermögen, das sich jeder Modernisierung hier in den Weg stellt. Und es ist ein Trugschluß zu glauben, daß, so wie die Zeit unweigerlich in Richtung Zukunft dreht, hier jede Änderung in Richtung Moderne zieht. Es kann auch ganz anders kommen.

    Aber so scharf ist die Trennung zwischen Moderne und Unmoderne vielleicht auch nicht. Im gleichen Zeitraum wurde auch die in 40 Anläufen erfolglose Hinrichtung eines Mörders gemeldet. Diese Meldung hätte wunderbar zu Saudi-Arabien gepasst - aber sie stammt aus Ohio ...

  • Wichtige Tage (165)

    Ein wichtiger Tag. Für Deutschland natürlich, weil es einen demokratisch legitimierten Wechsel in der Bundesregierung geben wird, und weil die Sozialdemokraten ihren Anspruch darauf, Volkspartei zu sein, wohl in der Opposition nur über Kuscheln mit den Linken wiederbeleben können - was Erinnerungen an den Zusammenschluß von Sozialdemokraten und Linken zur SED in der DDR weckt. Und für Hamburg natürlich, weil am Vortag mal wieder Bayern München in der Bundesliga besiegt worden ist und der Titel "Angstgegner der Bayern" fast noch wichtiger ist als die Tabellenführung.

    Bemerkenswert auch: Bei der Wahlparty heute Abend im Garten des Konsulats war es mit gut 30° zwar nicht übermäßig heiß, aber die Luft war so feucht, daß nach einer Stunde das Hemd durchnässt gewesen ist. Und ab dann - wie es die Aufgabe von Schweiß ist - gekühlt hat. Und wieder gab es neue Gesichter mit interessanten Aufgaben.

    Aber wirklich wichtig: Dieser Abend in dem, was kurz als "deutsche Community" in Jeddah bezeichnet werden könnte, war der Beginn einer kleinen Abschiedstournee. Seit ca. 2 Wochen ist es sicher: Das Projekt, das zu leiten ich hier das Vergnügen haben durfte, ist praktisch beendet. Die Arbeit ist inzwischen fertig, und es bleibt die Abwicklung der verbliebenen geschäftlichen und privaten Angelegenheiten, bevor es Ende Oktober dan endgültig zurück geht nach Deutschland.

    Das arabische Abenteuer wird bis dahin ca. 630 Tage angedauert haben, unterbrochen von vielleicht 20 Heimflügen. Zwei verschiedene Leben in Einem werden wieder zurück geführt auf ein Einzelnes: Eine Wohnung statt zwei, ein Konto, eine Krankenversicherung, ein Handy, ein Führerschein, eine Geldbörse, eine Geraderobe, ein Lebensstil.

    Die in den letzten Tagen häufig gestellte Frage - mit welchen Gefühlen es zurück gehe nach Deutschland - läßt sich letztlich recht klar beantworten. Abgesehen vom beruflichen Druck, der nun völliger Entspanntheit gewichen ist, ist wird das Gefühl von der Vorfreude bestimmt auf das Leben, das bis vor 600 Tagen normal gewesen ist und nun - im Lichte einer anderenn Kultur betrachtet - andere als normal erscheint. In einem - unabhängig vom Ausgang der heutigen Bundestagswahl trotz mancher Webfehler - ausgesprochen liberalen Land, reich an Kultur und freundlichen Menschen, reich an Natur und schönen Städten. Reich an Familie und Freunden.

    Daß sich dieses Gefühl mischt mit Abschied von Freunden hier, ist eigentlich eher positiv als negativ. Hier viele gute Freunde gefunden zu haben, ist wohl - neben allem Interessanten und all dem, was irgendwann zur "Lebenserfahrung" zu rechnen sein wird - die wirklich schöne Erfahrung in einem ansonsten mitunter schlichten Leben hier. So schade es sein wird, viele Leute nicht mehr oder nur noch sporadisch oder nur noch auf Facebook wieder zu sehen, so bereichernd war es, sie in der Kürze der Zeit hier kennen gelernt zu haben.

    Was wie ein Fazit klingt, soll es aber nicht sein. Ein paar Dinge gibt es noch zu erleben und zu schreiben. Vielleicht darüber, daß ich seit einigen Wochen meine Wohnung mit einem kleinen Gekko teile, der irgendwo reingekommen ist, aber nirgendwo wieder rauskommt.

  • Warm und trocken (164)

    In Brasilien gibt es wohl die weltweit größte, noch fahrende Sammlung an alten VW-Bussen, in Kairo wiederum die größte Sammlung an alten Peugeot 504 mit Dachgepäckträger (siehe ...). In Jeddah treffen sich alle alten Mercedes-Laster zum Abwasser-Transport. Unser saudischer Kunde hat die wohl größte Ansammlung an alten Schwarz-Weiß-Monitoren, und im Wadi Rum findet man die meisten alten Toyota Land Cruiser: Blattgefedert, vierradgetrieben, garantiert ohne Elektronik.

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    Wadi Rum im Süden Jordaniens ist ein Wüstenabschnitt voller Felsformationen, flachem Sand, teilweise auch Dünen. Da Jordanien an sich knochentrocken ist und der einzig nennenswerte See auch noch komplett versalzen, liegt es nahe, auch die Wüste zu erkunden. Das im Wadi Rum liegende Bait Ali Camp bietet notorischen Europäern dazu eine gute Gelegenheit. Es ist vielleicht 30 km weit abseits gelegen der von Amman nach Süden führenden Hauptverkehrsstraße Jordaniens und ist ein idealer Platz, um ein sauberes Bett in gepflegter Wüstencamp-Atmosphäre zu bekommen und dazu unmittelbaren Zugang zu Wüstentouren - sei es mit dem Jeep, dem Quad oder dem Gleitschirmflieger.

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    Im Grunde fehlt es dort an nichts: Wasser und Duschen, Essen und Trinken, Internet und Essensbuffet. Selbst alkoholisches Bier wird verkauft, das allein schon angesichts des Preises von ca. 7 Euro je Halbliterdose zur Delikatesse wird. Wer sich da nachts noch eine Klimaanlage wünscht, ist verwöhnt. Geschlafen wird entweder in fest aufgebauten, geräumigen Zelten oder in kleinen Häuschen, die nur Platz für zwei Betten, eine kleinere Anzahl an Graderobenhaken sowie einen Sanitärraum bieten. Worin sich die Nacht besser verbringen lassen würde, war zum Zeitpunkt des Check-in sowas wie eine Wette auf Porsche: Es gab begründete Meinungen für beide Möglichkeiten und viel Spekulation.

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    Wir sind von dort aus zu einem nahegelegenen Ort gefahren, der von Beduinen bewohnt wird, die entweder Kamele hüten oder Touristen durch die Wüste fahren. Oder beides machen. Die Wahl zwischen einem geschlossenen Land Cruiser mit Klimaanlage und einem Offenen mit Sitzen auf der von einer Plane überpannten Ladefläche, war diesmal eindeutig: Wer eine Klimaanlage wünscht, ist verwöhnt. Es war tatsächlich unglaublich, draußen auf der Ladefläche sitzend durch diese Landschaft zu fahren, die nur zwei Farben kennt: Das Blau des Himmels und das milde, leicht violette Rot der Wüste.

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    Unser Fahrer brachte uns zu einigen - na ja - Sehenswürdigkeiten: Ruinen eines Hauses, in dem der englische Geschichtsstudent T.E.Lawrence gewohnt haben soll - der (siehe Blogeintrag vom Vorvortag) im Alter von vielleicht 28 Jahren die Araber bei ihrer Revolte gegen den osmanischen Sultan während des ersten Weltkrieges irgendwie geeint und angeführt hat. Eine unglaubliche Leistung, wenngleich mit englischer Unterstützung.

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    Und zu verschiedenen Felsformationen, mehr oder weniger stark beeindruckend. Den stärksten und intensiven Eindruck hinterließ die Landschaft an sich, die angenehme und trockene Wärme, das Licht, die Entspanntheit des Hin- und Herfahrens auf der Ladefläche, der Sonnenuntergang von irgendeinem hohen Felsen aus beobachtet. Selten hat sich das Leben so leicht angefühlt - warum eigentlich in Saudi-Arabien Projekte leiten, wenn das Leben mit einem Pick-up und ein paar Kamelen da, wo es warm und trocken ist, eigentlich auch ganz zufrieden machen kann? Die Wüste dort hat sogar weitreichende Handy-Abdeckung.

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    Zum Tagesausklang im großen, luftigen Zelt des Camps dann Buffet mit Bergen unterschiedlich gewürzten Fleischsorten und teurem Bier. Dazu Habibi-Musik - jene arabische Musik, die irgendwie aus anderen Tönen, Melodien und Rhythmen besteht als unsere, eigentlich so ungenießbar wie Teebeutel, und dennoch - da einige junge Jordanierinnen ausgesprochen bezaubernd dazu tanzten - sehr schön.

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    Die Nacht war - schwierig. Wir hatten uns bei der Wette auf die beste Nacht für feste Häuschen und gegen Zelte entschieden und die Wärmespeicherkapazitäten der gemauerten Wände maßlos unterschätzt. Der Propeller, den wir in die offene Tür gestellt haben, hat zwar mit Macht dagegen angepustet, aber letztlich nichts ausgerichtet. So daß das Herz damit beschäftigt war, das Blut ebenfalls mit Macht in möglichst kühle Ecken des Körpers zu pumpen. Ein Königreich für kalte Füße. Bei soviel rauschendem Wind und klopfendem Herz war an tiefes Schlafen erst nach dem schönen Sonnenaufgang zu denken. Ja - irgendwie war die Wahl der Unterkunft wie eine Wette auf Porsche. Wer weiß, wie es im Zelt gewesen sein mochte.

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  • Wer ist Petra? (163)

    Vielleicht war das alles ganz anders gemeint: Vielleicht glaubte ein Volk, das sich vor 2000 Jahren jeden Tag gegen Hitze und Verdursten stemmt, ganz anders als es ein Volk "normalerweise" machen würde, das sich in Zeiten geistlicher und wissenschaftlicher Aufklärung jeden Tag gegen Adipositas stemmen muß? Und eine andere Frage irrlichtete in Jordanien durch meinen Kopf: Vielleicht hätte es auch alles ganz anders kommen können. Ganz ohne Moses und Abraham und den vielen, die sich dann später auf sie berufen sollten.

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    Denn zeitgleich zum Volk der Juden war im heutigen Jordanien auch das Volk der Nabatäer unterwegs. Während es die Juden eher mit Wundern und Plagen hatten, ging es bei den Nabatäern wohl mehr um Handel, technischen Fortschritt und daraus resultierende Ausdehnung. Bei den Nabatäern und ihrem Reich (ca. 150 v.C. bis 100 n.C.) lief es allerdings am Ende noch schlechter mit den Römern als bei den Juden: Obwohl technisch und wirtschaftlich überlegen, gingen sie unter. Mission statt Macht?

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    Nach Wikipedia hatten auch die Nabatäer ihren Gott - der allerdings in Eva eine Muttergöttin hatte. Die Vorstellung einer weiblichen Muttergöttin, damals weit verbreitet, wurde dann letztlich mit der Staatskirche des römischen Reiches durch den christlichen Gott abgelöst, der eher als Vatergott wahrgenommen wird. Hätten sich die Nabatäer und ähnliche Glaubensgeschwister dauerhaft behauptet: Vielleicht bräuchten wir heute keine Islamkonferenz. Und mehr Männerbeauftragte. Wer weiß.

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    So oder so: Was die Nabatäer damals stark gemacht hat, gehört heute wohl zu den großartigsten Erbstücken früherer Zeiten. Und hört auf den Namen "Petra" - jedenfalls heißt der jordanische Ort so, an dem die Nabatäer ihre Zentrale hatten. Die "Schwester" von Petra liegt übrigens in Saudi-Arabien, heißt Madain Saleh und tauchte hier bereits im Januar auf (siehe: Verfluchtes Weltkulturerbe).

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    In Petra haben sich die Nabatäer eine große Stadt gebaut - in Felsen hinein. Mit langen, in die Felsen gearbeiten Rinnen, wurde das seltene Regenwasser gesammelt und bewirtschaftet. Der durch wenige Meter enge, dafür bis zu zweihundert Meter tiefe Spalte führende Zugang bot Schutz. Aus dieser - für die bergige, trockene Gegend - guten Unterkunft heraus konnten die vorbeiführenden Handelswege kontrolliert und genutzt werden. Und für die Hinterbliebenen wurden Hunderte kleine und große Gruften in die Felsen geschlagen.

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    Gerade der Zugang durch die immer tiefer in den Felsen führende Spalte ist atemberaubend schön - aufgrund der Lichtwechsel, der glatten Formen, der roten Schattierungen. Das Rot des Sandsteins bleibt auch über viele Kilometer und Stunden hinweg der dominierende Farbton auf einer Wanderung an bis zu 40 Meter hohen Portalen vorbei, an den unzähligen Höhlen entlang, über einen langen, felsigen Aufstieg hinauf zum "Kloster" - einem monumentalen Felsengrab, das nicht weit entfernt ist von gigantischen Aussichtspunkten.

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    Diese ganze Tour zu Fuß zurück zu legen, ist eher ungewöhnlich. Kontinuierlich bieten Pferde-, Esel- und Kameltreiber ihre Tiere als Beförderungsmittel an, mit teilweise maßlos übertriebenen Angaben zum restlichen Weg, dafür in allen möglichen Sprachen und mit dem Zusatz, sie würden selbstverständlich einen Spezialpreis machen. Worin die Spezialität bestehen könnte, haben wir nicht herausgefunden - zu Fuß mit den selbstgewählten Pausen zum Fotografieren und Beobachten war es ohnehin besser als auf einem schaukelnden Esel.

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  • Es ging tief runter (162)

    Long time, no write. Mehrere Reisen einerseits, normaler und wenig berichtenswerter Alltag andererseits. Die stärksten Eindrücke im saudischen Alltag liefert derzeit der Kontrast zwischen der überregulierten Klimaanlage im Büro und der sommerlichen Hitze draußen. Überaus schöne Eindrücke, wenn nach Feierabend die Wärme langsam in die Knochen zieht.

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    Aber das saudische Königreich in Arabien ist nur ein Ausschnitt jener Welt, in der Männer bevorzugt Bart, Bauch, weiße Kleider und einen Montblanc-Füller haben. Angrenzend, im haschemitischen Königreich von Jordanien, ist Arabien irgendwie anders. Vor allem - tiefer.

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    Am vorletzten Wochenende ergab sich die Gelegenheit, zu viert von Jeddah nach Amman zu fliegen und für drei Nächte durch das Land zu fahren, dessen Geschichte so viele Rote Fäden in die Gegenwart spinnt wie sonst wohl kaum ein Weiteres (siehe zu Jordanien auch den zufäligerweise heute erschienenen Reisebericht in der FAZ). Moses, etwa, hat, nachdem er mit seinem Volk aus Ägypten kommend bald 40 Jahre lang durch lebensbedrohlich ödes Gebiet irrte, vom jordanischen Berg Nebo aus auf das Gelobte Land geschaut: der Jordangraben und das, vom heutigen Jordanien aus gesehen, gegenüber liegende Westjordanland. Gott hat ihm dann allerdings die Einreise nach Kanaan verweigert; auf dem Nebo steht nun noch sein an eine Apotheke erinnernder Hirtenstab. Im 20. Jahrhundert wurde dort nach der Bundeslade gesucht, in echt wie auch im Film Indiana Jones.

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    Abraham hat dort ebenfalls gelebt und, mehr als es ihm bewußt gewesen sein mag, von dort aus zwei bis drei Weltreligionen in die Welt gesetzt - das Judentum (mit dem sich daraus entwickelndem Christentum) und den Islam. Seine Ruhe fand er in Hebron, ebenfalls in den Westbanks. Jerusalem ist in Sichtweite, und am Jordan wirkten Johannes - er hat dort die Taufe aus der Taufe gehoben - und Jesus von Nazareth.

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    Große Geschichten rund um den Jordan, die bis heute nachwirken in jedermanns persönlichem Leben. Es scheint, als würden die tiefen Gräben der Moderne ihren Ursprung finden in dem Land, das selbst durch einen tiefen Graben gekennzeichnet ist - den im Bereich des Toten Meeres bis zu 800 Meter tiefen Jordangraben. Der Jordangraben ist Teil des bald 6.000 km langen Großen Afrikanischen Grabenbruchs, der die arabische von der afrikanischen Platte trennt.

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    Später, während des 1. Weltkrieges, wurde Jordanien zum Schauplatz der Arabischen Revolte - der Selbstbefreiung der Araber von der Herrschaft des Osmanischen Reiches. Mit angeführt, übrigens, von T.E.Lawrence (siehe Blogeintrag über die Hejaz-Eisenbahn) und mit Unterstützung der Engländer, die anschließend als Mandat des Völkerbunds diese Region verwalteten. Und letztlich in den heutigen Spannungszustand überführten - Länder wie Jordanien, Syrien, Saudi-Arabien, Irak mit teilweise unnatürlichen Grenzen und instabilen Regierungen, dem von einigen Nachbarn latent abgelehnten Staat Israel - und jenem Volk ohne Land und Würde, die Palästinenser.

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    Die Tiefe des Jordangrabens von 800 Metern wird halbwegs - also auf halber Höhe - elegant verdeckt, durch unendlich salziges und tiefblaues Wasser. Damit wird die Nacht am Toten Meer auf 400m unter NN zum ewigen Tiefpunkt meines Lebens geworden sein. Geodätisch gesehen, jetzt. Gleichzeitig zu einem Höhepunkt meines arabischen Zweit-Lebens. Der Graben tut sich gleichsam wie aus dem Nichts in einer normalen, leicht hügeligen Gegend auf. Und wenn man als Autofahrer dieses Niveau dann als ganz normal empfindet und auf einer einfachen Straße wieder verläßt, windet diese sich immer höher - um dann aber nicht auf einer anderen Seite eines Passes wieder abzusteigen, sondern durch immer größere Ortschaften zu führen.

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    Die Gegend rund um das Rote Meer lädt zum Nachdenken ein. Etwa über die Frage, ob die Religion eines kleinen Volkes, dessen Leben angesichts von Hitze und Dürre möglicherweise eher einer kollektiven Nahtoderfahrung geglichen haben mag denn dem, was wir als Leben erleben, nicht ganz anders gemeint gewesen sein könnte als jene Art von Spiritualität, Ethik und Gesetzlichkeit, die sich auch nach 3000 Jahren noch darauf bezieht.

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    Oder etwa über die Frage, wie schwer eigentlich salziges Wasser sein muß, daß ein ausgewachsener Mitteleuropäer darin nicht versinkt.

    AJ in Dead Sea

  • Ich bin klein, mein Herz ist rein (161)

    Das Böse ist immer und überall, sang 1986 die Erste Allgemeine Verunsicherung: "The evil is always and everywhere". Bereits vor mehr als 20 Jahren waren die Verhältnisse in Europa also schon so verkommen, daß darüber Lieder mit schwer österreichischem Akzent gesungen werden mußten. Saudi-Arabien ist dagegen auf deutlich tugendhafterem Weg und wird es auch bleiben.

    Als eine Art Verkehrspolizei auf diesem Weg dient die "Commission for the Promotion of Virtue and Prevention of Vice", die Komission zur Förderung der Tugend (Keuschheit) und der Abwendung des Lasters. Hier werden sie in der Regel "Moutawa" genannt oder, deutsch, Religionspolizei. Ihr Siegel ist Programm: Es zeigt das saudische Königreich als aufgeschlagene Seite des Koran. Während es allerdings normalerweise zum Kennzeichen von Kommissionen gehört, in geschlossenen Räumen zu diskutieren, komplizierte Dinge zu ergünden und Beschlüsse zu fassen, sind die Moutawa auf den Straßen unterwegs und - mehr oder weniger - allgegenwärtig. Zu erkennen sind sie an Thobes (den weißen Kleidern der Männer hier), die lediglich bis zum halben Schienbein reichen anstelle bis zum Boden, und an dem lose und ohne schwarzen Ring über den Kopf gelegten Tuch. Und an ausgeprägtem Bartwuchs.

    Moutawa

    Auf den Straßen der Stadt achten sie auf die Einhaltung der Regeln der Scharia in der Bevölkerung. Frauen werden zum Bedecken der Haare aufgefordert, Männer zum Fernhalten von Restaurant-Bereichen, die nur Familien vorbehalten sind. Geschäfte zum Einhalten der Gebetszeiten - um die leichteren Vergehen zu nennen.

    Glücklicherweise bin ich klein, und mein Herz ist rein. Mein Leben hier ist frei von Laster und voller Tugend. Insofern sind mir Moutawa bislang nur vom Hörensagen bekannt. Daß aber auch ich manchmal nahe am Abgrund der Untugend vorbei schramme, wurde mir in den wenigen Tagen seit meiner Rückkehr aus Deutschland gleich zweimal durch Moutawa bewußt gemacht: Am vergangenen Donnerstag war ich kurz vor dem Mittagsgebet bei "meinem" libanesischen Friseur. Praktisch zeitgleich mit dem öffentlichen Aufruf zum Gebet war mein Haar wieder sittlich kurz, als der Friseur draußen einen Moutawa sah. Seine Eile nahm spürbar zu - noch nie habe ich meinen Friseurbesuch draußen auf der Straße bezahlt. Und zwei Tage später habe abends in einem Einkaufszentrum ´was gekauft, als auch dort - wie immer - öffentlich zum Gebet gerufen wurde. Glücklicherweise habe ich gerade bezahlt - was angesichts der Langsamkeit der Angestellten nicht ganz einfach war -, als zwei Moutawa mit ernstem Blick und lauter Stimme um die Ecke kamen und "Salah" riefen - das Wort für das verpflichtende Gebet. Endlich war Bewegung im Laden und Geschwindigkeit in der Bewegung: Die Jalousien wurden herunter gelassen, und die Angestellten waren in Windeseile draußen. Das Böse ist *nicht* immer und überall.

    Polizeiliche Befugnisse haben die Religionswächter nicht: Eigenmächtig Leute mitnehmen und bestrafen, steht ihnen nicht zu. Aber der Draht zur Polizei ist kurz, und da wo Untugend im Verzug ist, wird die Polizei zur Diensthilfe gerufen - schließlich ist das "kirchliche" Recht, das über Tugend und Laster entscheidet, zugleich staatliches Strafrecht. Mit der Folge, daß lasterhafte Verfehlungen, bei denen eine einfache und ernste Ermahnung nicht mehr ausreicht, in einer Zelle enden oder, selten, blutig (zur Moutawa, ihren Befugnissen und ihrer Arbeit: siehe auch die englische Wikipedia und den inzwischen eingestellen Blog The Religious Policemen. Leider nur auf arabisch: Die offizielle Moutawa-Website.).

    Die wohl einzigen Zonen in diesem Land, in denen sich die Kommissionen nicht um die Vertreibung des Lasters kümmern müssen, sind die Lebensbereiche der königlichen Familie und die Compounds, also die Lebensbereiche der Ausländer hier. Was auch einleuchtet: Der königlichen Familie ist die Tugend ins blaue Blut gewaschen, und was mich angeht: Ich bin klein, mein Herz ist.

  • Sponsoren (160)

    Sponsorship in einem reichen Land? Kein Problem, mag man denken. Wie so oft, gilt aber auch hier: Pustekuchen. Auch wenn jeder Ausländer, der sich hier mehr oder weniger lang befristet aufhält, einen Sponsor hat. Ich habe auch einen. Allerdings laufe ich nicht mit seinem Logo auf meinem Hemdkragen durch die Gegend, zumal ich nicht einmal seinen Firmennamen kenne. Aber Sponsorship im mittelöstlichen Sinn hat auch nichts mit Werbung und Imagepflege zu tun - sondern mit Bürgschaft. Der Sponsor verbürgt sich gegenüber der königlichen Regierung für seine ausländischen Gäste. Über ihn läuft der Visumsantrag, und er ist auch in der kleinen, saudischen Ausweiskarte - der Iqama - namentlich genannt. Dafür bekommt er natürlich auch eine nicht ganz geringe Gebühr. Also wird eigentlich der Sponsor gesponsort. Hier ist vieles anders. Und der halbwegs reibungslose Zugang zu notwendigen Papieren für mich, mein Team und meine Gäste hängt nicht unerheblich ab von meinem guten Draht zu unserem Sponsor - und mehr noch von dessen gutem Draht zum Innenministerium dieses Königreiches und dessen Auslandsvertretungen.

    Große Firmen, internationale Hotelketten etwa, sponsoren sich selbst. Für kleine Niederlassungen ausländischer Firmen übernehmen saudische Partner diese Bürde. Im privaten Bereich, etwa das asiatische Dienstpersonal wohlhabender Saudis, treten dann wohl saudische Privatpersonen als Sponsor auf. Zur Last der Bürgschaft kommen dann allerdings auch besondere Rechte: Der Aufenthalt ist unweigerlich an das Wohlwollen des Sponsors geknüpft, und die Ausreise letztlich auch. Die Regelungen fordern, daß der Reisepaß von Dauergästen dem Sponsor für die Dauer des Aufenthalts übergeben wird. Im privaten und kleingewerblichen Bereich kann dadurch mitunter ein Machtverhältnis entstehen, das bei Mißbrauch schnell in der Nähe von Leibeigenschaft landen kann - und auch gelegentlich gelandet ist. Mit ein Grund, warum im Emirat Bahrain auf der anderen Seite der Halbinsel die Sponsorenschaft nun beendet werden soll - siehe dazu auch der Blogeintrag der mit mir verlinkten "orient-ation" aus der letzten Woche.

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    In Saudi-Arabien werden die Sponsoren dagegen sicher nicht abgeschafft. Zu groß ist die Freude an Kontrolle, Regelung und Bürokratie. Und zu hilfreich ist es, sich nicht persönlich mit saudischen Amtsstuben auseinander setzen zu müssen. Zumal die Visaregelungen ohnehin streng genug sind. Sie hängen am Geschlecht, Familienstand, der Religionszugehörigkeit, dem Zweck des Aufenthaltes, dem Herkunftsland. Touristenvisa sind wohl aussichtslos (was glücklicherweise niemandem auffällt) - ebenso Visa für allein lebende / reisende Frauen (worüber sich glücklicherweise auch niemand beklagt). Alles ist geregelt. Zu glauben, daß ein Land, das so sehr in seiner wirtschaftlichen Entwicklung von der tatkräftigen Mithilfe ausländischer Gäste abhängt, die Tür so weit öffnet wie die Bundesrepublik zur Zeit der Gastarbeiter, ist wohl naiv. Firmen müssen insbesondere auch die Saudisierungs-Quote erfüllen, nach der ausreichend inländische Arbeitnehmer beschäftigt werden müssen - ob die nun wollen oder nicht. Die Arbeitslosigkeit unter Saudis ist weitaus größer als in Europa (was leider nicht an die große Glocke gehängt wird).

    Wie verrückt die Visabürokratie mitunter werden kann, wurde mir deutlich, als ich in der letzten Woche bei einem offiziellen Anlaß mit einigen Managern internationaler Hotels ins Gespräch kam - lustigerweise überwiegend Deutsche. Sie beschäftigen vor allem in den Servicebereichen viel Ausländer - aus Asien und Afrika, aber auch Europäer. Das dafür erforderliche Kontigent an Visa wird für zwei Jahre im voraus beantragt und regelt detailliert die Quoten für - beispielsweise - alleinstehende Kenianer oder Europäer mit Familienanhang. Dementsprechend werden Kenianer, Ägypter, Bangladeshies in ihren Heimatländern gecastet und eingestellt. Hier in Jeddah gibt es dann keine Wahl - wenn die Fluktuation zu groß wird, können keine Ersatzkräfte mehr eingestellt werden. Mit der Folge, daß Hoteldirektoren - gegen alle Regeln freier Marktwirtschaft - von ihren Rechten als Sponsor mitunter mehr Gebrauch machen, als es ihnen Regelungen europäischer Freizügigkeit erlauben würden.

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    Ach ja, europäische Freizügigkeit. Saudis wissen das sehr wohl zu schätzen - das Wort "Schengen-Visa" ist hier in aller Munde. Mit einem Visum alle Schengen-Staaten besuchen zu können (und damit ungehindert vom Europapark Rust in Deutschland zu Disneyworld nach Frankreich zu fahren), läßt saudische Herzen höher schlagen. Deutschland ist wohl mitunter etwas sperrig in Visageschichten, weswegen die Reise nach Europa auch schon mal in Athen angetreten wird. Griechische Schengen-Visa stehen im Verdacht, leichter erhältlich zu sein.

    Gegenüber dem sauberen Grün saudischer Pässe gilt das Rot deutscher Pässe übrigens als sündig. Was für ein subtiles Kompliment. Und mein eigenes Exit- & Re-Entry-Visum (siehe Blog vom 16. April) habe ich gerade frisch überprüfen lassen: Die nächste geplante Ausreise am Ende dieser Arbeitswoche klappt. Und, wenn es denn sein muß, die darauf folgende Einreise auch.

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  • Wednesday Night Fever (159)

    Es fühlt sich an wie Freitag, ist aber Mittwoch: Der letzte Arbeitstag in jeder Woche. Und wie auch in kultivierteren Gegenden stellt sich die Frage, "was geht". Meistens sind es irgendwelche Partys in Compounds von Leuten, die man noch nie gesehen hat. Mit Leuten, die man auf diesen Partys immer wieder trifft. Mit Geschichten, wie sie nur in dieser Mischung aus Multi-Kultur (was die Expats hier angeht) und Null-Kultur (was das Gastland angeht) anzutreffen sind.

    So auch gestern. Ein Freund hat mich per SMS informiert, daß in einem anderen Compound eine Abschiedsparty von ein paar US-Soldaten stattfindet. Unkostenbeitrag für die Getränke: 20 Euro. Vielleicht 100 Gäste, und da der Sommer sich für einen Moment wieder zurück gezogen hat, sogar angenehmes Klima draußen, während drinnen Musik gespielt wurde. An der Bar gab es Getränke, die eigentlich nur im Diplomatengepäck in das Land kommen. Da aber mit dem Unkostenbeitrag ("drink as much as you can") keine Schmuggelpreise finanziert werden können, ist anzunehmen, daß amerikanische Soldaten hier über sowas ähnliches wie Diplomatengepäck verfügen. Vielleicht, weil sie ja auch irgenwie diplomatisch sind.

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    Und so verbanden die Getränke dann das Beste der europäischen und US-amerikanischen Kultur. Es gab kalten Chardonnay, und er wurde gleich in große Plastikbecher eingeschenkt. Dezent kleine Weingläser? Schnickschnack. Auch sonst wird nicht übertrieben viel Wert auf Atmosphäre gelegt - die Existenz eines amerikanisch bewirtschafteten Partyraums mit Vorgarten ist atmosphärisch genug.

    Die Geschichten des Abends schrieben:

    Bob aus Wales, kontaktfreudig: Als er mir sagte, daß er seit 32 Jahren in Saudi-Arabien lebe, fiel mir nur noch ein kurzes "Wow" ein. Es sei ja gar nicht schlecht hier, erst recht im Vergleich zwischen Jeddah und Riad. Meine Frage nach seinem Job hier beantwortete er allgemein mit "Communication"; er arbeite für die Regierung. Welche Regierung und ob unter "Communication" nun PR, Werbung oder militärische Aufklärung zu verstehen sei, wollte er mir nicht sagen. Er ließ mich im Glauben, ein echter Geheimnisträger zu sein. Zumindest ein Geheimniskrämer. Seine junge erwachsene Tochter ist dort aufgewachsen und heiratet nun in England - was mich an die Geschichte einer deutschen Familie erinnert, deren 19 jährige Tochter ebenfalls ihr ganzes Leben in Jeddah verbracht hat, nun Abitur macht, und anschließend zur "Re-Sozialisierung" nach Deutschland geht, um sich eine Perspektive zu überlegen und an ein anderes Leben zu gewöhnen - während die Eltern in Jeddah bleiben. Ihre Perspektive ist irgendwie anders. Als Bob ging und sich von mir verabschiedete, sagte er, er würde mich in Deutschland besuchen. Er wisse doch gar nicht, wo ich wohne, entgegnete ich - das würde er noch herausfinden, sagte er. Ich klopfte ihm auf die Schulter und sagte, wenn er meine Mail aufgespürt habe, würde ich mich über eine Nachricht freuen. Schräge.

    Friday night fever 02

    Teef aus den Philippinen: Er ist eigentlich in Riad, aber nun für ein Projekt in Jeddah. Den Namen der deutschen Firma, für die er hier arbeitet, konnte ich nicht verstehen. Er steht auf einem Mail-Verteiler für diese Partys und ist gut informiert. Zeitweise stand er hinter der Bar, was nicht schlecht war. Später waren da nur noch schwer angeschlagene Soldaten. In Riad, sagt er, wäre so eine Party, bei der Diplomaten-Getränke ausgeschenkt werden, Musik gespielt und getanzt wird, nicht denkbar. So schlicht das auch alles wirken mag: Es sei großartiges Nachtleben. Ah ja.

    Die Soldaten: Es wurden kurze Ansprachen gehalten, während derer keine Getränke ausgeschenkt wurden. Zu verstehen waren sie nicht, US-amerikanisches Englisch ist schwieriger zu verstehen als asiatische oder arabische Aussprache. Über das Mikrofon drangen Worte wie sergeant, appreciate, thanks, sports, family, marines. Bei Ortsangaben, "Reno, Texas", wurde gejubelt, und sie machten deutlich, wie diese Herren mit kurzen Haaren aus einer Ödnis in eine andere versetzt wurden, zeitlich befristet, anscheinend austauschbar. Auch schräge.

    Friday night fever 03

    Die Krankenschwestern: Sie sind die einzigen Single-Frauen in diesem Land und kommen aus allen möglichen Ländern: Finnland, Wales, Malaysia, Österreich, Philippinen, Südafrika. Naturgemäß sind sie umschwärmt. Meistens aber nehmen sie sich gegenseitig und Freunde in den Arm, um sich immer wieder fotografieren zu lassen. Die Bilder landen dann am nächsten Tag auf Facebook. Eigenwillig.

    Ja, und dann war da noch der Freund, der mir den Tip zu dieser Party gegeben hat. Er kam auch, aber in den letzten Wochen hat er sich soweit in Krankenschwesternbehandlungen verstrickt, daß nun keine mehr mit ihm spricht und Partys ein kleines Spießrutenlaufen für ihn sind. Komisch.

    Heute Nacht gibt es wieder eine Abschiedsparty, diesmal in meinem Compound an einem der Pools. Wer sich verabschiedet, weiß ich nicht. Aber es sollen weiße Klamotten getragen werden. Na ja.

  • Wasser Wasser (158)

    "Oh Scheiße", war das erste Gefühl, als ich am vergangenen Wochenende in den Pool hier im Compound gesprungen bin. Das Wasser ist normalerweise auch im Winter warm genug für einen trockenen Köpfer vom Beckenrand - aber inzwischen liegt die Wassertemperatur wieder spürbar über 30°, die Lufttemperatur entsprechend höher. Notgedrungen bin ich langsam geschwommen, um nun nicht auch noch im Wasser einen Schweißausbruch zu bekommen. Es ist Frühling in Jeddah.

    Poolparty 02

    Später wurde über einen Schlauch frisches Wasser in den Pool geleitet. Was schön für das Foto war, hatte auf die Wassertemperatur natürlich überhaupt keine Auswirkung. Alles Wasser hier - egal, ob in Pools, Leitungen oder Badewannen - ist inzwischen mindestens 30° warm, es sei denn, es wird gekühlt. Kaltes Duschen gibt es nicht mehr.

    Poolparty 01

    Heute Morgen ist allerdings auch warmes Duschen ausgefallen - aus den Leitungen kam kein Wasser mehr. Vermutlich waren die Tanks hier im Compound kurzfristig leer. Daß Wasser hier mit Tanklastern ausgefahren wird, ist mir schon lange bekannt. Allerdings ist das nur ein Teil der Wahrheit, wie mir kürzlich ein Landsmann erzählte: In Jeddah sind tatsächlich die meisten Stadtteile an ein Frischwasser-Leitungssystem angeschlossen. Im Gegensatz zu dem uns vertrauten Leitungssystem stehen die Wasserleitungen hier aber nie unter Druck. Vielmehr werden die einzelnen Stadtteile nur an jeweils bestimmten und vorher bekannt gegebenen Tagen mit Wasser versorgt, indem die entsprechenden Schieber geöffnet und die Leitungen und angeschlossenen Privat-Tanks geflutet werden. Eine echte Herausforderung für die Hygiene.

    Wassertanker 01

    Die Wasserlaster kommen nur dann, wenn die Tanks zu früh leer getrunken / geduscht / gewaschen wurden und dann außerplanmäßig nachgefüllt werden müssen. Während die Preise für Leitungswasser wohl recht niedrig sind, soll Tankerwasser relativ teuer sein. Hier im Compound wurde heute auch nachgefüllt. Anschließend konnte ich wieder duschen - warm natürlich.

    Übrigens schließt sich auch in Jeddah der Wasserkreislauf irgenwann wieder. Das Wasser allerdings geht auf anderem Wege als es kommt. Aber das ist ein anderes Thema (siehe dazu auch Seefahrt).

    Poolparty 03

  • Die Hessen kommen (157)

    "Sind Sie der Ministerpräsident von ganz Deutschland? - Nein, ich bin der Ministerpäsident von Hessen; das liegt um Frankfurt herum. - In der Nähe von Bayern? - Hessen und Bayern haben eine gemeinsame Grenze." Smalltalk heute Abend zwischen dem hessischen MP, Roland Koch, und einem interessierten Saudi bei einem Empfang im Garten des deutschen Generalkonsuls hier in Jeddah.

    Strandhaus

    Die Hessen sind gekommen: Eine Delegation von bald 50 Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowie Medienbegleitung aus jenem Bundesland um Frankfurt herum an der Grenze zu Bayern; sie werden in den nächsten Tagen auf der arabischen Halbinsel unterwegs sein. Die Reise an einem Freitag, dem 1. Mai, beginnen zu lassen, ist für die Teilnehmer - am Ende einer Arbeitswoche in Deutschland - vermutlich nicht so ganz einfach, zumal Feiertag und Wochenende ausfallen. Aber der Tag heute, immerhin Wochenende hier, war vielleicht ein kleiner Ausgleich. Jedenfalls hatte ich aufgrund einer Einladung des Konsuls die Gelegentheit, ab dem Nachmittag dem entspannten Programm beizuwohnen - erst ein Lunch im Strandhaus von Scheich Khaled Juffali und dann am Abend der Empfang, bei dem ich oben zitierten Smalltalk aufschnappen und mich mit "Guten Abend, Herr Ministerpräsident" in Protokoll üben konnte.

    Strandhaus

    Scheich Khaled Juffali war nicht zufällig Gastgeber für diese Delegation, und die Bezeichnung "Strandhaus" entspricht zwar dem Einladungstext, ist aber durchaus untertrieben (siehe auch Blogeintrag vom 16. August 08). Der Scheich - ein Titel, der nicht ererbt, sondern erworben wird - verkörpert gewissermaßen die Wirtschaftsachse zwischen Deutschland und Saudi-Arabien. Zur Firmengruppe der Juffali Brothers gehören die hiesigen Niederlassungen großer deutscher Industrieunternehmen wie Siemens, Mercedes, Bosch, Liebherr, Heidelberg. Er ist wohl einer der ersten Ansprechpartner für deutsche Firmen, die einen Zugang zum saudischen Markt suchen.

    Darüber hinaus spricht er fließend deutsch und war ausgeprochen hilfsbereit, als er mir unbekannterweise und unaufgefordert ein frisches Hemd angeboten hat: Die inzwischen sehr heiße Sonne hier hat auf mich ähnlich gewirkt wie ein Frühlingsregen - das Hemd war klitschnass geschwitzt, und das neue Hemd war sehr willkommen. Hoffentlich kommen hier auch mal die Hamburger ...

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