Letztens, Gebetszeit am Abend. Die über die vielen Lautsprecher der vielen Moscheen gesungene Liturgie legt sich wie gewohnt als akustischer Gebetsteppich über die Stadt mit ihren vielleicht 3 Millionen Gläubigen. Angesichts der Lautstärke und des etwas gepressten Klangs fragt meine Tochter, die kürzlich hier zu Besuch war, ob die Vorbeter nicht auf Dauer Probleme mit der Stimme bekämen? Ich weiß es natürlich nicht, antworte ich, aber wenn es denn so wäre, würde es ihm sicher ausreichend von Allah vergolten. Meine Tochter war sich da nicht sicher: "Und was ist, wenn Allah der Gesang nicht gefällt?"

Vermutlich stellt sich hier niemand diese Frage. Aber angesichts des Gesangs, der mehr von Ernsthaftigkeit als von Musikalität geprägt ist, liegt die Frage für unbefangen denkende Köpfe wohl sogar sehr nahe. Immerhin: Allah, der Gott Abrahams, der identisch ist mit dem Gott der Juden und dem der Christen, wurde von christlicher Seite schon vor 300 Jahren mit schöner, inspirierter, aufwendiger Kirchenmusik verehrt. Gegen Bach und Händel wirkt das Gebet hier in musikalischer Hinsicht jedenfalls recht schlicht. Aber wer weiß, was wirklich zählt.
Die Schlichtheit dieses durch Religiösität geprägten Lebens hier war dann auch wieder Dauerthema in den letzten Tagen. So wie zu Beginn meiner Zeit hier, wenn auch nun in der Perspektive der Rückschau, nicht der Eingewöhnung. Eingewöhnung - war es letztlich ohnehin nur teilweise. An Straßenverkehr ohne Struktur, an Leben ohne Kultur, an Wohnen ohne Architektur, an Draußen ohne Natur: irgendwie ist das zum Lebensrhythmus hier geworden. Aber jetzt am bevorstehenden Ende meiner Zeit hier erscheint es auf einmal wieder so fremd wie zu Beginn.

Ein paar Meldungen der letzten Tage zeigen das Spannungsfeld, in dem sich dieses Land befindet, gut auf: Da ist der ägyptische Großscheich, geistliches Oberhaupt der Sunniten, der den Frauen an Kairos Universität die hier übliche Ganzkörperverhüllung verbieten will. Mit seiner Begründung wirft er ein Licht auf die "Einzigartigkeit" Arabiens in der moslemischen Welt: Diese Verhüllung sei bloße Tradition ohne Bezug zu Islam und Koran.

Und da ist der 32 jährige Angeber, der auf irgendeinem Sender über sein buntes Geschlechtsleben geprahlt hat. Mit der Folge von 200 Anzeigen besorgter Mitbürger und dem Urteil zu 1.000 (i.W. Tausend) Peitschenhieben und 5 Jahren Haft.

Und da gibt es Abdullah Hassan al-Assiri, dessen blutiges Ableben auf YouTube und in lokalen Zeitungen anschaulich dargestellt wurde (so anschaulich, daß hier auf einen Link verzichtet wird). Er starb beim Versuch, mittels verschluckter Sprengmittel den für die Terrorbekämpfung zuständigen saudischen Prinzen Naif in die Luft zu sprengen, Ende August hier in Jeddah. Der Prinz blieb weitestgehend unverletzt, währen der Attentäter weitestgehend verletzt wurde und daran in Einzelteilen verstarb. Die prominente Spitze eines Eisberges von vielen hundert Verdächtigen, die sich teils als Frauen "verkleiden", um ihren Sprengstoff ungeniert durch dieses Land zu tragen, das ihnen wohl noch nicht streng genug ist.

Straßenraster, Fastfood, SUV-Autos, Adipositas: Viele Trends aus den USA sind in Saudi-Arabien inzwischen heimischer geworden als in Europa. Und es gibt hier und da auch ganz offensichtlich gesellschaftliche Modernisierungen in diesem Land, jedenfalls in kleinen Schritten. Aber die drei Meldungen werfen ein Licht auf das starke Beharrungsvermögen, das sich jeder Modernisierung hier in den Weg stellt. Und es ist ein Trugschluß zu glauben, daß, so wie die Zeit unweigerlich in Richtung Zukunft dreht, hier jede Änderung in Richtung Moderne zieht. Es kann auch ganz anders kommen.
Aber so scharf ist die Trennung zwischen Moderne und Unmoderne vielleicht auch nicht. Im gleichen Zeitraum wurde auch die in 40 Anläufen erfolglose Hinrichtung eines Mörders gemeldet. Diese Meldung hätte wunderbar zu Saudi-Arabien gepasst - aber sie stammt aus Ohio ...




















































